Wer sie zur Begabungsförderung nutzen kann und ein Fall von AD(H)S

4.  WER  SIE  ZUR  BEGABUNGSFÖRDERUNG  UND  FÜR     ENTWICKLUNGSTHERAPIEN   NUTZEN   KANN.

  • – Zur Anwendung bei speziellen Problemen hochbegabter Kinder
  • – Zur  auditiven  Verarbeitung  bei  Sprachentwicklungsstörungen  und Legasthenie
  •  – Das Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Syndrom  AD(H)S  mit   einem   Fallbeispiel.
  • – Fallschilderung einer zeitlich längeren entwicklungstherapeutischen Behandlung.

Es ist bekannt, dass bei hochbegabten Kindern ihre Motivationen in einem sehr engen Zusammenhang mit der Entwicklung ihrer Kreativität und ihrer hohen Intelligenz stehen und  beide werden durch früheste Lebenserfahrungen entscheidend beeinflusst.  In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die Wachheit, Neugier und Wissbegier des ohnehin ‚begabten Säuglings‘, eine liebevolle und anregende Aufmerksamkeit seiner Mutter erfährt.  Schon im vorgeburtlichen Dialog mit ihm und auf Jahre danach ist sie der Spiegel und die Mentorin seiner Gefühle und seines Verhaltens und legt damit die Basis für ein positives Selbstbewusstsein.
Ähnlich wie der Säugling nimmt sich das begabte Kind schon Aufgaben vor, die vorläufig noch über sein Können und seine Kräfte gehen. Intensiver als andere sucht es nach einer neuen Chance für eigene Entwicklungen. Wenn der (leiblichen) Mutter die emotionalen Spiegelungen bei ihrem Kind gelingen, entwickelt sich früh eine Haltung des Kindes, die ein neugieriges und unstillbares Verlangen nach selbst -gesteuerten Lernen selbstverständlich werden lässt. Solcherart frühreife und begabte Kinder sind meist reflektierter und impulsiver als andere und sind deswegen oft von Erwachsenen nicht leicht zu ertragen. Zudem sind diese Kinder besonders sensibel und leiden stärker daran, wenn sie sich von den Erwachsenen nicht verstanden fühlen oder ihnen die Antworten der Erwachsenen nicht ausreichen. Leider besteht zwischen manchen Erwachsenen sogar eine unausgesprochene Übereinkunft, begabte Kinder aus der ‚Schatzhöhle ihres Selbstes‘ zu vertreiben. Das ‚ Drama des begabten Kindes ‚ im Sinne von Alice Miller beginnt meist dann, wenn ein Kind sein gesundes Selbstgefühl aufgibt, sich in Konflikten nur noch anpasst und beginnt, seine Gefühle und damit sich selbst zu verleugnen. Vielleicht stehen am Anfang nur leichte Irritationen, im Verlaufe der Zeit verstärken sie sich aber:

– es wird mit den äußeren oder inneren Überstimulierungen nicht mehr fertig
– die Neigung nimmt zu, sich selbst zu schädigen, um damit andere betroffen zu machen.
– andere Personen werden negativ bewertet;  Fremdenfeindlichkeit tritt auf
– eine ‚Asynchronie ‚  bildet sich aus  z.B. die zwischen Intelligenz  und  emotionaler Reife
– Minderleistungen in der Schule trotz hoher Intelligenz und Kreativität
– ein negativer ‚Pygmalion-Effekt‘,  soziale Isolierung  u.a.

Bei neurotischen und sozialen Störungen dieser Art kann die Tomatis-Methode wirkungsvoll angewendet werden. Es gibt keine Gegenindikationen.

 

– Zur auditiven Verarbeitung bei Sprachentwicklungsstörungen und Legasthenien.

Es ist hinlänglich bekannt, daß vor allem die linke Hirnhälfte für die Sprachwahrnehmung und die Lautproduktion zuständig ist.  ‚ Die Analysefähigkeit sich schnell verändernder auditiver Stimuli ist sogar ein Spezifikum der linken Hirnhälfte.‘ (Tallal, P.  1996)  Ein Areal im  linken frontalen Cortex – auf Höhe des Broca-Areals –  kann überhaupt nur durch die Stimulation mit schnell wechselnden akustischen Spektren aktiviert werden. Die Sprachklänge lassen sich unterscheiden in stimmlose Konsonanten oder Mitlaute ( d, t, k, b, p ) und die sogen. Frikative  (s, z, f, v ) und in die Vokale. Die stimmlosen Konsonanten oder Mitlaute bestehen aus Lauten, die  1.  dicht bei einander liegen, die  2.  schnelle Übergänge zwischen ihnen nötig machen und sich  3.  in einem niedrigen Frequenband zwischen 300 und 3000 Hz ausbreiten, während sich die Frikative höher liegend  zwischen 2000 und 10 000 Hz bewegen. Diese drei Aspekte stimmloser Konsonanten werden speziell durch die linke Hirnhälfte verarbeitet, während Frikative und Vokale in gleicher Weise in beiden Hirnhälften verarbeitet werden. Für die linke Hirnhälfte – und damit für das rechte Ohr – besteht bei der Wahrnehmung stimmloser Konsonanten ein eindeutiger Vorteil.

Kinder mit Störungen der Sprachentwicklung oder der Legasthenie haben bei der Wahrnehmung von  Sprachlauten niedrigerer Frequenzbereiche ihre Schwierigkeiten, weil die Laute im niedrigen Frequenzbereich viel schnellere Übergänge aufweisen, vor allem wenn diese sehr schnell aufeinander folgen. (10 oder mehr pro Sek.) Sie haben Schwierigkeiten die Tonhöhenverschiebung gut zu unterscheiden und die kleineren Unterschiede bei den stimmlosen Konsonaten zu differenzieren.  So ist  z.B. die zeitliche Differenz beim Buchstaben   ‚ T ‚    um 3/100.  Sek . kürzer als beim Buchstaben   ‚ D ‚.    Neuere Studien haben nachweisen können, daß bei diesen Kindern ein ‚ temporäres Verarbeitungsdefizit‘  in den Wahrnehmungsprozessen besteht. Bisher hatte man angenommen,  daß die Störungen der Sprachentwicklung mit kognitiven Mängeln in  höheren  Ebenen der Sprache  zu erklären seien.  Die Schwierigkeiten liegen jedoch eindeutig beim Wahrnehmen von Folgen kurzer, klarer Töne, die schnell hintereinander kommen  d.h.  bei der Identifizierung kurzer Phoneme.  Die davon betroffenen Kinder können phonetische Elemente und deren Tonfolgen korrekt unterscheiden, wenn ihnen die Töne langsamer dargeboten werden.

Bereits in den 1960 ziger Jahren hatte Tomatis publiziert, daß hochfrequent gefilterte Sprache in normaler Sprechgeschwindigkeit – via elektronischem Ohr –  angeboten werden sollte und dann nachfolgend und allmählich die tiefen Frequenzen beim Hörtraining dazu genommen werden können und damit sehr gute Erfolge erreicht.  Die Berücksichtigung dieser neuen, wissenschaftlichen Erkenntisse garantiert einer audio-psycho-phonologischen Behandlung nach Tomatis größere therapeutische Fortschritte als die bisherigen kognitiv-verhaltenstherapeutischen oder logopädischen Therapieformen, da die neurophysiologisch-propriozeptive Basis der akustischen Wahrnehmungsfähigkeit sich verändert und eine bestehende Störung auflöst.

 

 

Ein Fall von AD(H)S – eine  mangelnde  sensorische  Integrationsfähigkeit

Kinder mit dem Syndrom eines Aufmerksamkeitsdefizits (ADS) und/oder einer Hyperaktivitätsstörung AD(H)S verhalten sich :  zappelig,  impulsiv,  unachtsam,  ablenkbar,  emotional instabil mit Stimmungsumschwüngen, sind lärm-empfindlich, akzeptieren oft keine Grenzziehungen und schätzen sich selbst negativ ein. Circa die Hälfte dieser AD(H)S – Kinder zeigen noch andere Auffälligkeiten wie Störungen der Feinmotorik, Legasthenie, Rechenschwäche, Tics, Tourette-Syndrom u.a. bei einigen liegen auch hohe intellektuelle Begabungen vor.
Die Experten sind sich noch uneins, ob es sich um ein gesondertes neurologisches Syndrom handeln könnte oder ob es genetisch oder epigenetisch bedingt sein könnte. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass ein Mangel an Fähigkeiten vorliegt, auf sensorische Reize angemessen zu reagieren und  sie zu integrieren.

Da bei Kindern und Jugendlichen die Tendenz zugenommen hat, industriell gefertigte Nahrungsmittel in größeren Mengen zu konsumieren,  Gemüse und Obst gemieden wird und  tierisches Eiweiß und raffinierter Zucker bevorzugt werden, führt dies allgemein zu einem Mangel an Mineralstoffen, der verstärkt Nervosität und Reizbarkeit hervorruft.  Bei diagnostizierter AD(H)S sollte in jedem Fall beachtet werden, ob die mögliche Stoffwechselstörung einer KRYPTOPYRROLURIE (KPU) vorliegt, die durch einen Mangel an Vitamin B6,  Zink  und  Mangan  zur Störung des Häm-Stoffwechsel führt oder eine Funktionsstörung der Mitochondrien  (Kraftwerke der Zellen)  besteht.  Dies sollte vor der Behandlung mit der Tomatis-Methode ärztlicherseits mit einem Urintest (KPU-Test) abgeklärt werden.

AD(H)S- Kinder mögen physiologisch gut hören, dennoch sind sie immer schlechte Zuhörer. Meist sind sie unfähig, Informationen angemessen aufzunehmen und zu verarbeiten, woraus eine nur sehr kurze Zeitspanne resultiert, während der sie sich überhaupt konzentrieren können. Jeder neue Reiz fordert ihre Aufmerksamkeit; doch bevor seine Verarbeitung stattfinden kann, kommt für sie bereits der nächste Reiz, der ihre Aufmerksamkeit beansprucht. Überflutet von zu vielen Reizen, denen sie sich ausgeliefert fühlen, erleben sie ihre Umwelt oft als gefährlich. Darauf reagieren sie entweder unangemessen aggressiv oder sie ziehen sich in ihre eigene Welt zurück.

Die neue fachliche Sichtweise von Tomatis erklärt  dies folgendermaßen:
Das sogenannte vestibuläre Gehirn umfasst nach Tomatis :
das Vestibulum als Teil des Ohres, mit den Vestibulariskernen, dem Rückenmark; der sensomotorischen Endstrecke, im Zusammenspiel mit den Strukturen des Kleinhirns, den Kernen des Mittelhirns, dem verlängerten Mark sämtlichen, unwillkürlichen Muskelreaktionen in Hinblick auf Tonus, Statik und Kinetik. Es bildet die Grundlage für alle höher organisierten, senso-motorischen Einheiten, das für automatisierte Bewegungen zuständige extrapyramidale System ebenso wie das Pyramidensystem, welches dann die gezielt-geplanten, willkürlichen Bewegungen ermöglicht.  Hierbei  hat das vestibuläre Gehirn als Ur-Hirn einen basal-modulierenden, ursächlich-steuernden Einfluss auf alle höheren sensorischen Integrationen. Eine Überschwemmung, ein Zuviel an Reizen führt zur Hyperaktivität, zu schwache oder zu wenige Reize verursachen Fehlsteuerungen der Integration und damit zu Unachtsamkeit, Konzentrationsfehlern, Ablenkbarkeit  u.a.m.   Eine ausgewogene basale Modulation und eine optimale Integration sensorischer Impulse ist für die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit und die Verarbeitung visueller und auditiver Reize aber  grundlegend.
Mit diesen neuen Erkenntnissen zur auditiven Wahrnehmung hat Tomatis einen Weg aufgezeigt, wie davon betroffene Kinder aus dem Dilemma desorganisierter oder mangelnder sensorischer Integrationsfähigkeiten herausfinden können, indem ihre basalen, vestibulären Steuerungsfähigkeiten über eine Optimierung des Horchens nachreifen können. Die Verbesserung sensorischer Integrationen setzt dabei voraus, das bestehende emotionale Konflikte und Ängste parallel dazu in der Behandlung aufgelöst werden, was in der Regel der Fall ist.
Nach dem Training ist die Körperselbstwahrnehmung des AD(H)S-Kindes optimiert, die emotionalen Blockaden aufgelöst und das Kind ist in der Lage aktiv und differenzierend zuzuhören. Es kann die sensorischen Reize nun angemessen integrieren und verarbeiten.

Am staatlichen Institut für Post-Streß-Störungen bei Kindern in Moskau (Ltg. Prof. Dr. A. Diaschew)  werden seit  2005  pathologisch überaktive, zu hoch schwingende Gehirnareale mit Hilfe der Magnet-Enzephalographie lokalisiert und mit niedrig- schwingenden Frequenzen gegenreguliert. Die dabei auftretenden Veränderungen können in ihrer Dynamik sichtbar gemacht werden.  Durch sogen. dialogische Rückkoppelungen werden die durch Traumata erzeugten  alten Ängste mit  Sitz im  ‚Reptiliengehirn‘,  die zur Entstehung dieser pathologischen Gehirnareale führten,  korrigiert bzw. gelöscht. Wie bei der A.P.P. von Tomatis führt die direkte sensorische Stimulation definierter Hirnareale zur Normalisierung der kortikalen und emotionalen Steuerungsfähigkeiten. Was noch fehlt,  ist  eine sie verbindende wissenschaftliche Terminologie. Beide Methoden sind energiemedizinischer Art  und beide arbeiten ohne Medikamente. Das in den USA und  Mitteleuropa oft verschriebene Ritalin / Methylphenidat ist ein sogen. Dopamin-Aufnahmehemmer.  Es verändert das Sozialverhalten der Kinder durch Blutdruckänderungen, Appetitverluste und reduzierte Kreativität.  In Russland wurde Methylphenidat nie zugelassen.

 

 

Ein Fallbeispiel :  David,  9 Jahre,  ein ADS-Kind

David kam mit seiner Mutter in die Praxis und zeigte viele Anzeichen eines Kindes mit ADS. Er unterbrach die Gespräche, rutschte im Sitzen hin und her und konnte sich immer nur sehr kurze Zeit auf seine Testaufgaben konzentrieren. Die Mutter berichtete, er sei  ’noch nicht richtig da ‚, lebe in seiner eigenen Welt und habe nur wenig Interesse ihr etwas mitzuteilen.
In seinem Hörtest fanden sich Blockaden, die auf eine leichte Sprechhemmung hinwiesen; auf seinem rechten Ohr fand sich eine psychologisch bedingte sogen. Schall-Leitungstaubheit.  Es setzte ihm sehr zu, dass sein Vater nach der Scheidung für ihn im Alltag ausfiel und er ihn nur noch selten sah. Seine Fähigkeit sich mitzuteilen, war durch seelische und soziale Zwänge eingeschränkt und hatte zu Verzögerungen in seiner Entwicklung und zu Defiziten seines Horchens geführt.
Ein zu Rate gezogener Kinderarzt bescheinigte : emotionale Störungen, ADS und nächtliches Bettnässen. Davids Verhalten war nicht ausgeprägt unangenehm, eher verdruckt-aggressiv bis unruhig. Weil er schulisch im Lesen und Schreiben zurückgefallen war, war er ein Jahr zurückgestuft worden und besuchte derzeit die 3. Klasse. Seine Mutter gab sich Mühe, ihn vor weiteren schulischen Rückschlägen und vor den Hänseleien der Mitschüler zu beschützen. Der Sport interessierte ihn etwas; seine Hausaufgaben dagegen vergaß er notorisch.

Zusammen mit seiner Mutter begann David die Behandlung von täglich 2 Stunden über 15 Tage. Während er über spezielle Kopfhörer Musik hörte, konnte er selbst oder mit anderen spielen. Gegen Ende des ersten Abschnitts berichtete mir die Mutter, dass sie den Eindruck habe, David sei irgendwie wacher und aufmerksamer im Umgang, er rede mehr mit ihr, habe zu Hause ein Buch entdeckt, das ihn interessiere. Auch befolge er die Regeln im Umgang mit seinen Geschwistern leichter. Nach einer Pause von 4 Wochen – zu Beginn des 2. Behandlungsabschnitts – bemerkte die Mutter, dass er mehr Lust aufs Rechnen habe.  Zit.  ‚ Er hört mehr zu,  auch wenn ich Kritik an seinem Verhalten habe. Er kann seine eigenen Gefühle besser in Worte fassen.‘  Beim Fußballspielen sei er angriffsfreudiger geworden und werde von den Mitspielern mehr akzeptiert.. Auch näßt er nachts nur noch selten ein. Als Therapeut hatte ich den Eindruck, dass er mehr aufnahm und insgesamt fröhlicher geworden sei. David bedauert weiterhin, dass er seinen Vater nur jedes zweite Wochenende besuchen kann. Eine Lehrerin lobte ihn, nachdem er angefangen hatte seine Rechenaufgaben selbstständiger zu lösen.
Eine Art Durchbruch kam nach einer Pause von zwei weiteren Monaten. Die Mutter sagte,‘ er sei im Alltag wie ausgewechselt, er sei regelrecht aufgewacht, in allen Situationen auch in der Schule. ‚ Er ist offener, mitteilsamer, zuversichtlicher und gleichzeitig ruhiger geworden‘.  Er  machte in vielen Bereichen Fortschritte, weil sich seine sensorischen Integrationsfähigkeiten verbesserten, so dass sich Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Konzentration ebenso verbessert hatten wie seine Selbstsicherheit. Vor Beginn der Behandlung – nach ihren Erwartungen gefragt – hatte die Mutter den Wunsch geäußert , durch die Therapie ein aufmerksameres Kind und einen selbstbewussteren Sohn zu bekommen.  Ich habe ihr diesen Wunsch erfüllen können.

Ende des  1. Fallbeispiels

 

Fallbeispiel einer längeren,  entwicklungstherapeutischen  Behandlung :   Patrick 6,5 J.

Ausgangsdiagnose :  Nach prä- und perinatalen Beeinträchtigungen eine depressiv-angstneurotische Persönlichkeitsstruktur mit intentionalen Hemmungen und einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung.  Vater 47 J. und Mutter 40 J. unterzogen sich  ebenfalls der Behandlung mit der Tomatis-Methode. Die persönliche Mitbehandlung der Mutter und eine positive Unterstützung durch den Vater ist bei der Tomatis-Methode essentiell,  da nur so beide Eltern die beginnende Nachreifung ihres Kindes optimal begleiten können.

Patrick war als Kind angeblich erwünscht. Wegen zu früher Wehen schon im 6. Schwangerschaftsmonat hat die Mutter viel gelegen und wurde zeitweilig im Krankenhaus medikamentös ruhig gestellt.  Zit‘  Mutter : ‚ Ich grübelte ständig über ihn nach.‘  In der 33.  Schwangerschaftswoche wurde Patrick per Sektio entbunden.  Im Säuglings- und Kleinkindalter mußte er zu allem und jedem angehalten werden, freiwillig und spontan tat er fast nichts.  Mit 3 Jahren : Mittelohrentzündungen, Pseudokrupp und  Scharlach.

Bis heute ist er kaum motiviert zu spielen, zu malen  etc.  Sein Vater : ‚ Er will draußen Fahrrad fahren, dann aber nicht in die Pedalen treten.‘  In Gegenwart der Eltern und  ihm sehr vertrauter Personen spricht er ausreichend deutlich und gut.  In jeder anderen Situation  in der von ihm erwartet wird, daß er sprachlich antworten möge,  blockiert er aber vollständig.  Bei einem Lebensalter von jetzt 6,5 Jahren liegt sein Entwicklungsalter bei 3 – 3,5  Jahren.

Die Stimulationsbehandlung von Patrick im zeitlichen Verlauf über 20  Monate in psycho-audiologischer und neurosen-psychologischer Sichtweise.

I –  Abschnitt – 8/2002 – 60 Sitzungen über 15 Tage –  Auf Grund der intrauterinen Unterstimulierung während der letzten Monate der Schwangerschaft und einer passiven Entbindung per Sektio sowie das spätere Modellvorbild der Eltern, entwickelte sich bei Patrick eine ängstlich- vermeidende Entwicklungs- und Neurosenstruktur.

Zu Beginn war die Durchführung eines Hörtests mit ihm nicht möglich. Nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten behält Patrick die Kopfhörer auf und wechselt zwischen sich langweilen und spielen. Mit der Angsstörung ist ein Mangel an positiv erlebbarer Körperselbstwahrnehmung und ein Mangel an Objektkonstanz verbunden, weshalb er sich noch in kleinkindlicher Weise nach Mutter und Vater richtet.  Anderenfalls würde seine Angst vor Selbstverlust übermächtig. Er hat die Neigung Aggressionen lieber gegen sich als gegen andere zu wenden.

Die Überflutung mit vielen hoch-gefilterten Tönen der mütterlichen Stimme führt zu einer zeitweiligen Euphorisierung und Energetisierung des Gehirns. Es treten starke Stimmungsschwankungen auf von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Gegen Ende des 1. Abschnitts ist Patrick in einer positiveren, energiereicheren, seelischen Verfassung.

II – Abschnitt – 10/2002 – 30 Sitzungen über 8 Tage –  Mit ihm ist jetzt ein Hörtest möglich.  Dieser zeigt :  eine noch kindliche Hörweise; sehr schlaffe Trommelfelle;  er nutzt nur sein linkes Ohr;  eine noch geschlossene sogen. Selektivtät rechts wie links, was emotionalen Blockaden entspricht. Patrick wirkt gelöster, hat begonnen andere Kinder nachzuahmen, im Dialekt zu plappern. Seine Neigung sich plötzlich zu verweigern ist weiter vorhanden. Die sich verbessernde Körperselbstwahnehmung zeigt sich in einer Zunahme der Streckung seiner Wirbelsäule in eine aufrechtere Haltung, was ihm aber nicht bewußt wird.

III – Abschnitt – 1/2003 – 30 Sitzungen über 8 Tage –  Im 2.  Hörtest findet sich eine Kurve , die im Sprachbereich noch nicht ansteigt;  er setzt weiter nur sein linkes Ohr ein  (- 40),  die geschlossene Selektivität rechts wie links besteht weiter. Die Eltern berichten von zeitweiligen Erstverschlechterungen.  Er verweigert dann das Sprechen in forcierter Weise,  wenn ihm danach ist. Anderseits äußert er aber auch mehr Ideen und mag mehr mit anderen Kindern spielen. Seine Eltern setzen ihm noch viel zu hohe Ziele und drängen ihn zum Lesen !   Patrick muß nicht mehr wie bisher seine Selbstverlustängste in den Körper verschieben.  Er beginnt mehr eigene Bedürfnisse und Wünsche nach Aktivitäten wahrzunehmen.  Aggressionen äußert er noch nicht.  Die Therapie wird weiter in Phase II ,  im vorgeburtlichen Modus fortgesetzt.

Zwischentests und  Gespräche –  6/2003 –  Diagnostik ohne Sitzungen    3. Hörtest :   die Hörweise auf dem rechten Ohr hat sich stark verbessert, weil diese im Sprechbereich  (1000 – 3000 Hz) angestiegen ist d.h. er kann sein rechtes Leitohr für das Hören auf Sprache einsetzen, wenn er es will.  Dennoch ist die Neigung links zu hören noch vorhanden und die Selektivität rechts und links geschlossen. Sein Hören über die Luftleitung d.h. der Trainingszustand beider Trommelfelle ist deutlich besser.

Patricks Mutter gerät in eine ausgepägte depressive Krise von einigen Monaten. Über ihre eigene Mutter sagt sie : ‚ Meine Mutter setzte sich immer durch;  bei ihr bedeutete dies Machtausübung  ohne Sprache.  Ich kann deshalb bis heute schlecht über mich selbst sprechen.‘  Sie verweigert den III. Abschnitt, nimmt zum Zeitpunkt des  IV. Abschnitts von Patrick die eigene Behandlung aber wieder auf.  Der Vater unterstützt seine Frau in dieser Zeit vorbildlich und fährt auch mit den eigenen Sitzungen fort.

Der Vater berichtet über Fortschritte von Patricks Entwicklung :   Zit. ‚ Er weiß deutlicher was ihm paßt oder was nicht. Wenn er Lust zu reden hat, kann er auch mal reden wie ein Wasserfall.  Auch bei ihm fremden Personen verweigert er sich immer seltener.  Er geht freiwillig an die Tafel und hat auch Lust zu schreiben und zu lesen. In allem ist er sicherer und selbstständiger geworden.‘

IV – Abschnitt – 9/2003 – 30 Sitzungen über 8 Tage – Ergebnis des  4.  Hörtests :  die Funktionen des rechten und linken Ohres im Sprechbereich haben sich weiter verbessert.  Die sogen. Selektivität hat sich rechts in vollem Umfang und links bis  auf 2000 Hz geöffnet   d.h.  die neuro-physiologischen und psycho- emotionalen Blockierungen sind stark rückläufig.  Wenn er will, kann er nun verzerrungsfrei aufs eigenen Sprechen und auf die Sprache der anderen horchen. Die Eltern berichten :  Er spielt mehr und mit mehr Freude, er liebt es andere Kinder nachzuäffen und zeigt hier keinerlei Ängste mehr. Während der Sitzungen beginnt er neben Häusern (Muttersaspekt)  auch Sonnen, Schiffe und Straßen zu zeichnen.

Patrick kann jetzt weitgehend angstfrei und autonom entscheiden, was er will. In Anforderungssituationen reagiert er nur noch mit der Angst vor dem Liebesverlust durch die Eltern, aber nicht mehr mit der unbewußten Angst vor dem Verlust seines Selbst.  Er ist für alle sichtbar selbstbewußter, autonomer und weniger abhängig geworden.  Leichte Aufsässigkeiten gegen seine Eltern kommen vor sowie  erste aggressiv getöne Auseinandersetzungen mit anderen Kindern.

V – Abschnitt – 3/ 2004 –  30 Sitzungen über 8 Tage –  Ergebnis des 5.  Hörtests :  Er hat den linkshörigen Modus zugunsten des rechtshörigen aufgegeben. ( d.h. er orientiert sich an der Zukunft und dem väterlichen Vorbild)   Die Selektivität ist weiter geöffnet wie in Abschnitt IV.   In der therapeutischen Programmierung kann nun die  ‚ akkustische Entbindung ‚ stattfinden sowie die vorsprachliche Phase mit deutschen Kinderliedern und Sprachspielen.

Sein Wunsch alles aufzunehmen und mitzusprechen  hat nochmals zugenommen. Sein Verhalten ist nun altersentsprechend und nur noch selten gehemmt. Nur in Situationen, die er als überfordernd einschätzt,  zeigt sich noch die alte Neigung zum Rückzug.

Nach dem Ende des V.  Abschnitts  – die Therapie umfaßt jetzt 180 Sitzungen insgesamt –   konnte die Therapie mit der vorsprachlichen Phase abgeschlossen werden.  Die Verschreibung einer sprachlichen Phase war nicht mehr angezeigt, da Patrick diese im Alltag bereits realisierte.

Zusammenfassung der Ergebnisse :   Die strukturell bedingten Ängste und Hemmungen sowie die selbstschädigenden, depressiven Anteile konnten weitestgehend aufgelöst werden. Er nimmt die eigenen Bedürfnisse und Wünsche wegen der verbesserten Körperselbstwahrnehmung  wahr und entdeckte  den Mut,  die Spielfreude und die Lust zu Sprechen.

Das apparative Horchtraining mit den hohen Tönen der mütterlichen Stimme erlaubt eine zügige Wiederbelebung der subjektiven Befindlichkeiten vor und während der Geburt,  was  einerseits die entscheidende Wendung zur Heilung ausmacht und andererseits  den Wunsch nach sprachlicher Komunikation verstärkt.  Die zentrale Angststörung mit ihren Verhaltens- und Erlebenskomplexen wurde aufgelöst,  ausgetrocknet, so daß da  ‚ Wo  ES  war,  ICH  werden konnte.‘   Neue internalisierte Objektrepräsentanzen haben einen stabilen und zuverlässigen Kern seines Selbst entstehen lassen.

Anstelle des bisherigen Zwanges zur neurotischen Wiederholung von Ängsten und Hemmungen hat Patrick nun Wahlmöglichkeiten über das verbesserte Hören und Horchen auf Sprache, Kommunikation und Lebendigkeit. Er wird nun auch  andere, sein Selbst stärkende Erfahrungen  in  künftigen  Alltagssituationen finden und nutzen können.

Ende  des  2.  Fallbeispiels

 

 

 

 

 

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